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Rezension | Marie Grasshoff – Neon Birds

Band 1 der Trilogie.

Band 2 – Cyber Trips, erscheint im Mai 2020.
Band 3 – Beta Hearts, erscheint im September 2020.


„Die Welt entstand aus Sternenstaub.
Und ich?
Ich bin nicht das Kind einer Sonne.
Ich bin geboren aus einem Gedanken.
Dem Gedanken Perfektion.“


Inhalt

2101. Die Welt hat sich verändert.
Nicht nur Klimakatastrophen haben ein Ungleichgewicht geschaffen. Bei einem Experiment zur Erschaffung von Supersoldaten entwich ein technisches Virus in die Welt. Es nimmt den Menschen jegliche Emotionen, verbessert ihre körperliche Beschaffenheit und greift jedes lebende Wesen in seinem Umkreis an. Zur Eindämmung wurden Sperrzonen errichtet, die Infizierten eingepfercht und unter Überwachung gestellt.
Doch die Zonen scheinen auseinanderzubrechen und der Kampf zwischen Mensch und Technologie erreicht ein neues Level. Inmitten dieses Chaos stehen vier junge Erwachsene, die die Menschlichkeit retten wollen.


Meinung

Das Cover. 

Passend zur Geschichte wird die Stimmung schon durch das Cover übertragen. Die Neonlichter einer riesigen Stadt, ein wenig verschwommen, ein bisschen als würde man in diese Richtung fliegen. Es erinnert an Computerspiele, auch der Binärcode, der in die Lichter eingearbeitet wurde, trägt dazu bei – und es schlägt den Bogen zu dem technischen Virus.

„Nachdem die Sonne hinter den Horizont gesunken war, sich die Neonleuchten eingeschaltet hatten und leise Musik durch die Gassen schallte, schien dieser Ort erst richtig zum Leben zu erwachen.“

Eine kurze Anmerkung noch zur Aufmachung. Im Buch sind zauberhafte Illustrationen und Aktenauszüge enthalten, die die Geschichte unterstützen. Gewünscht hätte ich mir einen etwas stabileren Einband, aber das ist einfach nur meine Vorliebe und hat nichts mit dem Inhalt zu tun.

Der Stil. 

Den Schreibstil von Marie Grasshoff zu beschreiben, ist, als würde man einen Vogel in einen Käfig sperren wollen. Ich habe mich selten so zwischen den Seiten verlieren können und so von Worten einnehmen lassen. Der Stil ist sehr komplex, sehr beschreibend, manchmal leicht ausufernd und detailliert. Er ist gleichzeitig geradlinig, aber auch verspielt und fast poetisch.

Das Setting.

Das Setting, das Worldbuilding ist genau das, in das ich mich rettungslos verliebt habe in „Neon Birds“. Hier ist so viel Liebe zum Detail versammelt, dass es eine wahre Wonne ist, die Welt zu erkunden. Oft hat man in Büchern das Gefühl, dass man durch ein zu tiefes Eintauchen die Fassade des Settings durchbrechen könnte. Dass man als Leser merkt, dass es eben nur ausgedacht ist, dass etwas fehlt, dieser Funke, der nicht überspringt. In „Neon Birds“ ist es anders. Von den Auswirkungen der Handlungen der Menschen – die denen unserer heutigen Realität nicht mal so fern sind – über die Bepflanzung und Bebauung der Städte, des kompletten Lebensentwurfes, es ist so viel dabei.

„Weder Götter noch Geister existieren […] lediglich die tiefe Verbundenheit zur Natur.“

So erschreckend diese Zukunftsvision ist, so sehr haben große Teile dieses Gesellschaftsentwurfes mich angesprochen und mein Herz berührt.

Die Charaktere. 

In „Neon Birds“ begleitet der Leser vier Hauptcharaktere. Alle vier sind junge Erwachsene, so um die zwanzig Jahre alt. Hätte ich das nicht gelesen, dann hätte ich sie wohl älter eingeschätzt. Im Zusammenhang der Lebensumstände macht es wieder Sinn, dennoch hätten ihnen in meinen Augen ein paar Jahre mehr gut gestanden, aber das ist meckern auf hohem Niveau.

Flover
ist Soldat in einer der Bekämpfungseinheiten. Er scheint unter enormen Druck zu stehen und erst im Laufe der Geschichte merkt man, warum und wie sehr dies sein Leben beeinflusst.

Luke
ist Flovers Freund und Mitbewohner. Momentan studiert er an der Akademie und scheint sowohl intelligent als auch beliebt zu sein. Nur über seine Vergangenheit ist nicht viel bekannt und erst recht nicht über seine Familie.

Okijen
ist der Supersoldat schlechthin. Seine steile Militärkarriere macht ihn zum Medienliebling und Aushängeschild. Trotz allem ist er ausgebrannt und hat sich aus der Maschinerie des Militärs zurückgezogen.

Andra
ist Mitglied eines traditionellen Stammes, der von den meisten Städtern als rückständig angesehen wird. Ihre Siedlung wird angegriffen und Andra muss mit Verlusten und einer neuen Umgebung klarkommen.

Doch auch die Nebencharaktere sind einen Blick wert – sei es Flovers Mutter, Okijens Vorgesetzte oder auch Gerta (und nein, ich verrate nicht, wer das ist). Das Beziehungsgeflecht, welches hier gestrickt wird, und auch die Entwicklung der einzelnen Persönlichkeiten sind gut durchdacht. Manchmal hatte ich ein wenig Probleme, an die Charaktere heranzukommen, Flover und Andra sind die, die ich am besten verstehen kann. Okijen ist von seiner Einstellung her ganz wundervoll, aber mir dennoch zu fern. Aber, und daran muss ich mich immer wieder bei diesem umfangreichen Werk erinnern, es ist der Auftakt. Die Charaktere bekommen noch sehr viel mehr Platz zum entfalten.

Die Geschichte.

„[…] dass das, was hinter den Mauern schlummert, das Kind und gleichzeitig der Untergang der Menschheit sei. Geschöpfe, von ihnen selbst erschaffen, gekommen, um über sie zu richten. Nicht an der Stelle eines Gottes oder einer höheren Macht. Sondern anstatt der Welt, der sie so viel genommen hatten.“

„Neon Birds“ reiht sich bei mir in eine kleine, ausgewählte Reihe der für mich besten Auftaktbände ein. Denn es gehört etwas dazu, den Leser so zu fesseln, dass man sich den nächsten Band einer Reihe vorbestellt.

Auf der einen Seite schafft Marie Grasshoff eine spannende und emotional aufwühlende Geschichte, auf der anderen findet sie den Platz für Beschreibungen, für Entwicklung, für das Schaffen von Bildern. Dennoch sind weder die Story noch die Charaktere perfekt, aber sie sind so ungewöhnlich, dass sie mein Herz im Sturm erobert haben.

Gerade der oben erwähnte Weltenbau grenzt an Philosophie und hat mich vereinnahmt und fasziniert. Die Welt fühlt sich lebendig an, so sehr, dass ich am liebsten stundenlang darüber reden und diskutieren möchte. Ich wollte immer mehr wissen, immer mehr eintauchen, immer mehr verstehen. Und das Schöne ist – in „Neon Birds“ funktioniert das. Es ist keine 2D-Welt, man kann direkt durch die Seiten eintauchen und sich staunend umsehen.
Dazu beigetragen hat auch der Aufbau der Story, dass man als Leser erst nach und nach in die Welt eingeführt wird, gefiel mir. Außerdem wird uns ein Charakter an die Seite gestellt, mit dem man als Leser Hand in Hand auf Entdeckungsreise gehen kann. Auch das Zusammenspiel von Tradition und Technologie hat mir dabei Freude bereitet.

Besonders angesprochen haben mich die Aspekte, die sich auf die Natur beziehen. Die Einbindung in die Städte, in die Architektur, in den Lebensstil. Auch das Ernährungskonzept und die Religion haben eine Seite in mir zum Klingen gebracht und haben sehr großen Anteil an meiner Begeisterung.

Dadurch, dass ich die ganze Zeit mitgefiebert habe und so in der Geschichte drin war, hat mir das Ende mein Herz ein bisschen angeknackst zurückgelassen und ich kann es auch nach ein paar Monaten nicht erwarten, den zweiten Band endlich in den Händen zu halten. Und ich werde ihn gleich lesen. Auch wenn ich dann wieder auf den dritten Band warten muss.

„Ihr seid der Sturm, doch ich bin der Ozean.“

Das Fazit.

„Neon Birds“ ist nicht nur ein faszinierender Reihenauftakt, es ist der Einstieg in eine komplexe, philosophische Welt, die ihresgleichen sucht. Ein absolutes Lesehighlight für mich, über das ich stundenlang reden könnte und das ich am liebsten in so viele Bücherregale wie möglich stellen möchte.


Fakten

(Werbung, unbezahlt)

Verlag: Lübbe

Erscheinungsdatum: 27.11.2019

ISBN: 9783404200009

Preis: 15,- €

Taschenbuch, 464 Seiten

weitere Formate: eBook und Hörbuch

Genre: Science Fiction

Über die Autorin

Marie Grasshoff, 1990 geboren, studierte Buchwissenschaften und Linguistik. Sie lebt und arbeitet als Grafikdesignerin und Autorin in Leipzig.

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