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Rezension | H.G. Parry – Die unglaubliche Flucht des Uriah Heep

„Worte und Papier. Das war der einfache Teil.
Ich schwimme also in den Wörtern, sauge sie in mich auf, und dann strömen die Wörter durch meine Adern.
Jedes Neuron sprüht Funken, jede Nervenleitung fängt Feuer, mein Herz schlägt immer schneller und beschleunigt den Strom noch weiter, und meine Augen rasen voraus, um immer noch mehr aufzunehmen.
Das ist noch keine Magie […] Das ist nur Lesen.“


Inhalt

Charley Sutherland hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Das einstige Wunderkind ist Literaturprofessor und durch seine liebenswerte und chaotische Art sehr beliebt, nicht nur bei seinen Studenten. Doch seit seiner Kindheit versucht er vor der Außenwelt sein Geheimnis zu verbergen: Charley kann Buchcharaktere zum Leben erwecken und sie aus ihren Geschichten herauslesen. Das ist nur so lange niedlich, wie es sich um ungefährliche Kinderbuchfiguren wie Pu den Bären handelt. Eines Tages liest der junge Professor versehentlich einen der berühmtesten Schurken der Weltliteratur aus seinem Buch. Uriah Heep ist froh endlich aus seinem Buch entkommen zu sein und will das von Charles Dickens erschaffene literarische Meisterwerk David Copperfield ganz weit hinter sich lassen. Doch nicht nur Uriah Heep sorgt für Unruhe in Wellington, als dann auch noch der Hund von Baskerville plötzlich in Charleys Vorgarten sitzt, muss er sich eingestehen, dass es ganz und gar nicht mehr mit rechten Dingen zugeht …


Meinung

Das Cover

„Die unglaubliche Flucht des Uriah Heep“ kommt in der deutschen Übersetzung mit einem sehr unaufgeregten Cover daher. Sehr gut passend zur Geschichte, und zum Protagonisten, da alles ein wenig altmodisch und an die viktorianische Epoche angelehnt ist.

Der Stil. 

„‚Ist ja nicht wie damals, als du mit acht Graf Dracula aus seinem Buch gelesen hast.‘
‚Vampire haben Schwachpunkte‘, […] ‚Stoker hat sie eigens mit hineingeschrieben. Menschen sind weit weniger berechenbar.‘
Da konnte ich leider nicht widersprechen.“

H.G. Parry hat mich schon auf den ersten Seiten ihrer Geschichte sehr überrascht. Durch die Inhaltsangabe habe ich etwas anderes erwartet – die Perspektive, aus der der Leser die Geschichte erlebt, ist eine ganz andere als vermutet. Am Anfang hat mich das ein wenig irritiert und ich fand es wirklich schade, aber nach einer Weile hat es mir sehr große Freude bereitet, die Story aus dieser Sichtweise erfahren zu können. Im Verlauf des Buches kommen noch weitere Perspektiven hinzu, die mich teilweise erstaunt haben, besonders hinsichtlich der Wahl der Personen, durch deren Augen die Geschichte dann weiterverfolgt wird. Das war immer für eine Überraschung gut.
An sich ist der Schreibstil auch sehr unaufgeregt, recht klassisch anmutend, aber dennoch humorvoll und leicht zu lesen. Auch scheint er angelehnt an die Literaturklassiker, aber mit einem modernen Touch, was eine Mischung ergibt, die mich beim Lesen glücklich machen konnte. Auch die Figuren werden auf diese Art und Weise beschrieben, was mir das Herz aufgehen ließ und mich verzaubert hat.
Teilweise wird die Geschichte sehr weitschweifig und detailverliebt erzählt – das kann für andere Leser eventuell etwas anstrengend und langatmig werden, mir hat es dennoch sehr gut gefallen.

Das Setting.

Und hier wartete eine weitere Überraschung auf mich, aufgrund der Zusammenfassung habe ich einfach mal angenommen gehabt, dass die Geschichte in England spielt. Weit gefehlt, denn die Autorin entführt den Leser nach Neuseeland, genauer in die Hauptstadt Wellington. Ein großartiges Setting, das sehr zu meinem Lesevergnügen beigetragen hat. Allein die Ortsbeschreibungen haben mich auf eine Entdeckungsreise mitgenommen und mein Kopfkino auf Hochtouren laufen lassen. Die Gegensätze haben die Atmosphäre noch interessanter gemacht: die Beschreibung der Stadt, die Kultiviertheit, die durch die Universität und die Professoren dargestellt wird und diese leicht ungezügelte, raue Brise, die durch die Seiten fegt, durch den sofort angrenzenden Dschungel und die sehr konträren Charaktere repräsentiert.
Besonders war für mich, dass das Setting nicht austauschbar war. Es wurde so untrennbar mit der Geschichte verwoben, dass man diese nicht einfach hätte woanders transportieren können. Dazu trug nicht nur die Erwähnung diverser Literatur und Legenden aus Neuseeland bei.

Die Charaktere.

„Nebenbei bemerkt hat Charley dieses Buch während eines Strandurlaubs dreimal direkt hintereinander gelesen. Als Achtjähriger. Manchmal bin ich aufrichtig ertsuant, wie normal er sich entwickelt hat.“

Die Figuren, die H.G. Parry hier geschaffen hat, haben einen sehr großen Teil zu meiner Begeisterung für „Die unglaubliche Flucht des Uriah Heep“ beigetragen. Sie sind nur detailliert ausgearbeitet, sondern auch so konzipiert, dass ich schnell eine emotionale Verbindung zu ihnen aufbauen konnte.

Carley Sutherland
ist ein sehr junger Professor für englische Literatur, sein Steckenpferd ist die viktorianische Zeit und besonders Charles Dickens. Charley ist ein Wunderkind, besonders im literarischen Bereich, und intelligent, solange es nicht um soziale Interaktionen geht. Er ist ein wenig hilflos und verloren im Alltag, aber er ist so sympathisch, dass ihm quasi fast alles verziehen wird.
Ganz subjektiv muss ich noch hinzufügen, dass ich Charley als Charakter einfach wundervoll finde. Er ist irgendwie sehr niedlich, ich konnte gar nicht anders, als mein Herz ein wenig an ihn zu verlieren.

Rob Sutherland
ist Charleys älterer Bruder. Er ist ein recht erfolgreicher Anwalt, aber hatte dennoch immer das Gefühl in Charleys Schatten zu stehen. Das lässt er ihn zwar auch manchmal merken, aber dennoch würde er alles für ihn tun. Die Beziehung zwischen den beiden ist nicht ganz so einfach, aber sehr spannend gestaltet.

Millie
ist Steuerberaterin. Sie versucht ihren natürlichen Tatendrang und Hang zum Abenteuer durch einen eher bodenständigen Beruf zu unterdrücken. Sie ist tatkräftig, unabhängig, mutig und loyal.

Doch nicht nur die Protagonisten wissen zu überzeugen, auch die Nebencharaktere sind spannend konzipiert. Egal, ob sympathisch oder eher nicht, sie bestechen durch eine Echtheit, die es so leicht macht, fasziniert zuzusehen, was sie aus der Geschichte machen.

Die Figuren, die angelehnt an andere literarische Versionen ihrer Selbst sind, kommen mit einem interessanten Twist daher, den ich so nicht erwartet habe, mir aber sehr gefiel. So wird aus einem charmanten Dandy schnell mal ein gelangweilter, hochintelligenter Mann, der sich seine Zeit mit Verbrechen vertreibt.

Die Geschichte.

[…] aber seine Schwächen in einer toten Sprache entdeckt man erst, wenn man versucht, einem mythologischen Helden zu erklären, wie die Kaffeemaschine funktioniert.“

„Die unglaubliche Flucht des Uriah Heep“ war für mich ein Experiment. Seit der Tintenwelt-Trilogie von Cornelia Funke hat man als Leser oft genau diese Bücher im Kopf, wenn es um die vorliegende Thematik geht. Oft las ich Romane, die mich im Endeffekt nicht überzeugten, da sie einfach nur aufgriffen, dass vorzugsweise der Protagonist Charaktere aus Büchern herauslesen kann (oder sich selbst hinein, oder halt auch beides). Doch einem Fantasyroman für Erwachsene, der die eher klassische englische Literatur behandelt, konnte ich dann doch nicht widerstehen – und ich bin sehr glücklich darüber, denn ich habe einen neuen Liebling in meinem Bücherregal.

Es ist ja kein Geheimnis, dass ich eine kleine Vorliebe für die Klassiker von der britischen Insel habe. Als Liebhaberin dieser Bücher konnte ich mich sehr leicht in die Geschichte rund um den Professor Charley Sutherland fallen lassen und habe die Verweise auf die verschiedenen Werke und Figuren sehr genossen. Doch genau hier liegt auch der Schwachpunkt des Buches, mal abgesehen vom manchmal sehr ausladendem Schreibstil. Die Konzentration der Autorin auf Figuren aus Charleys Literaturvorlieben wird nur durch einige regional verankerte Geschichten aufgelockert, zum Großteil laufen aber Charaktere von Charles Dickens, Jane Austen und Arthur Conan Doyle durch das Buch. Kann man mit diesen so gar nichts anfangen, dann wird es auch „Die unglaubliche Flucht des Uriah Heep“ schwer haben. Dennoch kann man sich auch gut ohne Vorkenntnisse an die Geschichte heranwagen, wenn man sich darauf einlassen möchte.

Die Geschichte an sich geht nicht sehr rasant voran, H.G. Parry lässt sich Zeit beim Erzählen und bleibt sehr charakterorientiert und legt Wert auf die Persönlichkeit der Figuren, die Beziehungen und Entwicklungen. An manchen Stellen war es auch recht schnell vorhersehbar, was passieren könnte, aber das hat meinem Lesevergnügen keinen Abbruch getan, da ich einfach so viel Freude am Geschehen verspürt habe.

H.G. Parry konnte mich mit dem Gesamtpaket komplett überzeugen. Die Idee ist nichts Neues, aber die Umsetzung sehr gelungen. Das Setting und die Charaktere haben es zu etwas Besonderem gemacht, das mich nachhaltig beeindruckt hat. Auch die Dynamik der Figuren untereinander stimmte einfach, ich konnte mich gut in viele Situationen hinein fühlen und hatte das Gefühl, dass ich mit Rob und Charley wirklich in den Straßen von Wellington unterwegs bin.

Das Fazit.

„Die unglaubliche Flucht des Uriah Heep“ ist eines dieser Bücher, das mich von der ersten Seite an gefesselt und bis zur letzten Zeile nicht mehr los gelassen hat.  Es hat sich schnell in mein Herz geschlichen und ich habe gelacht, geweint, mitgefühlt und mitgefiebert, war voller Glücksgefühle und habe mich in die Charaktere verliebt, für sie geschwärmt. Ein absolutes Wohlfühlbuch, nicht nur für Liebhaber der englischen Literaturklassiker.


Fakten

(Werbung, unbezahlt)

Originaltitel: The unlikely Escape of Uriah Heep

Verlag: Heyne

Erscheinungsdatum: 13.04.2020

ISBN: 9783453320680

Preis: 14,99 €

broschierte Ausgabe, 608 Seiten

weitere Formate: eBook

Genre: Urban Fantasy

Übersetzung: Michael Pfingstl

Über die Autorin

H.G Parry lebt in Wellington, Neuseeland. Sie studierte Englische Literatur und arbeitet als Dozentin für Englisch, Film- und Medienwissenschaften. „Die unglaubliche Flucht des Uriah Heep“ ist ihr erster Roman, vorher veröffentlichte sie einige Kurzgeschichten.


Zitat 1: Seite 37 f.

Zitat 2: Seite 11

Zitat 3: Seite 85

Zitat 4: S. 252

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