Bücher

John Green – Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken.

„Aber so was kann man nicht laut sagen, und man steht vor der Wahl, ob man lügen oder ernsthaft gestört wirken will.“

Aza Holmes – 16 Jahre alt, sehr gute Schülerin, Mutter Lehrerin, so weit so normal. Eher unbeliebt, Vater tot und in Behandlung wegen einer Angststörung und Panikattacken, jetzt wird es nicht mehr ganz so normal.

Doch Aza hat Daisy, ihre beste Freundin seit Kindertagen, jemanden, den sie bisher nicht verloren oder vergrault hat. Daisy ist das Gegenteil von Aza, meist furchtlos, nie um ein Wort verlegen und beliebte Autorin von Star-Wars-Fanfiction. Die beiden leben ihr Leben an einer amerikanischen Highschool, mit den typischen Problemchen, denen man als Teenager beim Erwachsen werden gegenüber steht. Gut, bei Aza sind diese Probleme teilweise anderer Art als man gewöhnt ist, aber das erfährt man als Leser ziemlich schnell.

Eines Tages passiert in Indianapolis auch mal was Interessantes – der milliardenschwere Unternehmer Russell Picket wurde der Korruption angeklagt und verschwand kurz bevor das FBI zur Hausdurchsuchung bei ihm ankam. Nun suchen sowohl seine Firma als auch die Polizei nach dem Vermissten, auf Hochdruck, aber bisher ohne Erfolg, da niemand etwas gesehen oder gehört hatte. Auch nicht seine Söhne Davis und Noah. Eine Belohnung von 100.000 $ wurde ausgesetzt für denjenigen der Hinweise bringt, die zur Ergreifung des Flüchtigen führen.

Dies weckt natürlich Daisys Neugier und sie versucht Aza zu einer Suche zu überreden. Das erscheint im ersten Moment wenig Sinn zu machen, wäre da nicht die Tatsache, dass Aza und Davis sich von früher kennen. Aza ohne Vater, Davis ohne Mutter, waren sie sich in einem Sommercamp zur Trauerbewältigung über den Weg gelaufen und haben eine seltsame Freundschaft geschlossen. Danach verloren sie sich aus den Augen, weshalb Aza das ganze für keine gute Idee hält. Wäre Daisy doch aber bloß nicht so überzeugend…


„Ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“Es gibt keinen treffenderen Satz, der diesen Roman beschreiben könnte, als der von Franz Kafka.

Ich wusste nicht, was mich erwartet. Nein, treffender ist, ich hätte viel erwartet, aber nicht das. Nicht diese Gefühle, nicht diese Gedanken beim Lesen und danach. Mir passiert es nur noch selten, dass ich ein Buch überhaupt nicht aus der Hand legen kann, bevor ich auch die letzte Seite gelesen habe und noch seltener, dass ich eine komplette Nacht durchlese. John Green hat es geschafft, was eigentlich keine Bestsellerautoren mehr bei mir erreichen können. Er hat mich daran erinnert, warum ich Bücher so sehr liebe, dass ich ihnen nicht nur mein Studium gewidmet habe. Warum meine Bücherregale so vollgestopft sind, warum ich an keiner Buchhandlung vorbei gehen kann, warum ich diesen Blog schon immer schreiben wollte. Weil es Bücher wie dieses gibt. Bücher, die einen mit einem unbestimmten Gefühl zurücklassen, als hätte man einen guten Freund nach Jahren wieder gesehen und es ist noch genau wie damals.

Aza ist für mich ein Charakter, der irgendwie nicht von selbst wirkt. Sie nimmt den Leser dort mit, wo er selbst steht und braucht die Emotionen des Lesers um ihre eigene Wirkung entfalten zu können. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Menschen, die bisher keine persönlichen Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen haben, Aza an manchen Stellen einfach nur seltsam, abgedreht und schrullig finden. Ihre Entscheidungen können daher schwer nachvollziehbar sein, ebenso wie ihre Worte, mit denen sie ihre Erkrankung und die damit verbundenen Gefühle beschreibt. Doch das sollte nicht abschrecken, dieser Roman ist es vollkommen wert, komplett gelesen zu werden.

Zu viel über die Geschichte an sich, kann und möchte ich nicht sagen. Es würde ihr vorweg nehmen und bei weitem nicht gerecht werden. Nur so viel – Aza ist für mich einer der stärksten Charaktere, denen ich je in der Literatur begegnet bin. „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ gehört für mich in jedes Bücherregal, egal ob Jugendlicher, junger Erwachsener, Erwachsener oder Senior. Es ist ein Roman über das Leben und auch die Liebe. Ganz ohne Schnulz, dennoch mit viel Gefühl. Mit einer Offenheit und Worten, die niederreißen und wieder aufbauen.



absolut jeden.


Verlag: Hanser, 2017

ISBN: 978-3-4462-5903-4

Preis: 20,00 €

Hardcover, Limited Edition mit Wechselcover

zur Leseprobe

John Green, 1977 geboren, ist Jugendbuchautor und mit diversen Preisen in diesem Bereich ausgezeichnet. „Eine wie Alaska“, sein Debütroman, hat heute noch Kultstatus unter jugendlichen Lesern. Sein Roman „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ wurde in 56 Sprachen übersetzt, hat die Bestsellerlisten erobert und wurde erfolgreich verfilmt. Zusammen mit seinem Bruder betreibt er einen der erfolgreichsten Vlogs auf YouTube.

Und weil diese Worte mich besonders berührt haben, im Folgenden noch drei Zitate.

Wer sich komplett überraschen lassen will, sollte hier also bitte aufhören zu lesen.

„Ich kann mir meine Gedanken genauso wenig aussuchen wie meinen Vornamen.“
Schmerzen - physische oder psychische - stellen uns unter anderem vor die Herausforderung, dass wir sie eigentlich nur durch Metaphern ausdrücken können. Schmerz lässt sich sprachlich nicht erfassen wie ein Tisch oder andere Gegenstände. In gewisser Weise ist Schmerz das Gegenteil von Sprache.“
„…wenn aber ein Kranker beim Arzt den Schmerz in seinem Kopf beschreiben soll, versagt die Sprache sofort. Dabei sind wir Menschen so auf die Sprache angewiesen, dass wir, was wir nicht benennen können, kaum begreifen. Und dann tun wir so, als wäre es nicht real. Wir benutzen Sammelbegriffe wie Störung oder chronische Schmerzen, die das Übel ausgrenzen und kleinreden sollen. Der Ausdruck chronische Schmerzen erfasst nichts von den ständigen, gnadenlosen, zwangsläufig zermürbenden Qualen, die er zu beschreiben vorgibt. Und der Begriff Störung enthält nichts von dem Grauen und der Angst, mit denen du ständig leben musst. Die Wörter benennen auch nicht die Tapferkeit der Menschen, die diese Leiden ertragen."

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