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Alan Bradley – Flavia de Luce. Mord im Gurkenbeet.

„Ich würde gerne behaupten, dass ich tief ergriffen war, aber das wäre gelogen. Ich würde gerne behaupten, dass mir mein siebter Sinn empfahl, schleunigst die Flucht zu ergreifen, aber auch das würde nicht der Wahrheit entsprechen. […] Ich würde gerne behaupten, dass ich mich gefürchtet hätte, aber das stimmt nicht. Ganz im Gegenteil. Es war das mit Abstand Spannendste, was ich je erlebt hatte."

Flavia de Luce gehört einem alten englischen Adelsgeschlecht an. Zusammen mit ihrem Vater Haviland, einem pensionierten Colonel, sowie ihren beiden älteren Schwestern, der neunmalklugen Leseratte Daphne und der selbstverliebten Musikerin Ophelia, lebt sie auf dem Familiensitz Buckshaw, unweit des idyllischen Dörfchens Bishop’s Lacey. Die Mutter der drei Schwestern verstarb kurz nach Flavias Geburt bei einem tragischen Unfall. Flavia selbst hat zu ihrem tiefen Bedauern keine Erinnerungen an sie und ihre Schwestern machen sie seit langem irrationaler Weise für ihren Tod verantwortlich. Colonel de Luce hat sich seit damals komplett zurückgezogen und seine Töchter größtenteils sich selbst überlassen.

So kam es, dass Flavia sich sowohl eigene Bezugspersonen als auch ihr eigenes Reich suchte. Die Hausangestellten Mrs. Mullet, ihres Zeichens Haushälterin mit eher zweifelhaften Kochkünsten und Klatschtante des Dorfes, und Dogger, Gärtner und schweigsamer Kriegsveteran, helfen Flavia durch ihr Leben. Doch wirklich aufrecht im Leben erhält sie ihre große Leidenschaft – die Chemie. Flavia entdeckte im Ostflügel des Familienanwesens ein voll ausgestattetes chemisches Labor, mit Gerätschaften, allerlei Pülverchen und Tinkturen und natürlich den dazugehörenden Fachbüchern, das ihr Onkel Tar sich einrichten ließ. Schnell sah sie das Potenzial dieses Raumes und verschrieb sich im zarten Alter der Naturwissenschaft. Mit ihren 11 Jahren ist Flavia daher inzwischen eine ziemlich gewitzte und versierte Chemikerin und besonders fasziniert von Giften aller Art und der Verwendung dieser als Mordwaffe. Oder als interessante Variante ihren Schwestern all die Sticheleien heimzuzahlen, indem sie Hautreaktionen oder ähnliches hervorruft.

So leben die vier de Luces ihr Leben vor sich hin und es scheint nicht, als würde diese seltsam anmutende Idylle irgendetwas zerstören können. Bis Flavia eines morgens über etwas im Garten stolpert. Sie traut ihren Augen kaum, denn da in Doggers gepflegtem Gurkenbeet liegt eine Leiche. Also so eine richtige. Die kleine Chemikerin ist fasziniert und entdeckt eine neue Leidenschaft – die Chemie des Todes. Mit Feuereifer und die Vorteile ihres Alters ausnutzend geht sie ans Werk. Sie schwingt sich auf ihr treues Fahrrad namens Gladys und fragt jedem, der ihr über den Weg läuft, Löcher in den Bauch.

Doch die Zeit drängt, denn was läge näher, als den Besitzer des Gurkenbeetes als Mörder zu verdächtigen? Besonders wenn dieser sich lautstark am Vorabend mit dem Toten gestritten hat und beim Anblick einer toten Schnepfe auf der Türschwelle aus der Fassung geriet. Eigentlich dachte Flavia, dass nur die Ermordung der Briefmarke, die auf dem Schnabel des armen Federviechs steckte, ihren philatelistischen Vater so schockiert hat, aber augenscheinlich verbirgt der Colonel mehr als vermutet…


Nicht umsonst hat Flavia de Luces erster Fall nur auf Grundlage eines Auszuges die renommierte Auszeichnung Dagger Award für Kriminalromane gewonnen.

Alan Bradley hat mit Flavia eine faszinierende Figur geschaffen. Einerseits ist sie noch ganz Kind, das ihre Mutter vermisst und eigentlich nur von ihren Schwester geliebt werden will, ihr Fahrrad Gladys nennt und eine Abneigung gegen Mrs. Mullets Schmandkuchen hat. Andererseits die kleine Hobbydetektivin und leidenschaftliche Chemikerin mit einem Wissen in diesem Gebiet, dass den Großteil der Erwachsenen blass werden lässt. Kindliche Naivität und furchtloser Scharfsinn verbinden sich in ihr zu einer großen Detektivin in der Tradition der Agatha Christie Romane. Mit ihrem Auftreten hat Flavia mich sehr oft an eine extrem junge, kindliche Version von Miss Marple erinnert, kein Wunder, dass sie mir schon im ersten Band so enorm ans Herz gewachsen ist.

Auch Alan Bradleys Schreibstil erinnert an die großen Kriminalromane, unaufgeregt, aber dennoch spannend und fernab von blutrünstigen, konstruierten CSI-Fällen.
Besonders gefallen mir aber die kleinen Kuriositäten, die diesen Roman zu dem machen, was er ist – ein Krimivergnügen für jung und alt. Denn wer denkt schon daran, dass eine 11-jährige sich an ihren Schwestern rächt, indem sie den Lippenstift der Ältesten vergiftet? Das grenzt an Genialität. Und an Dummheit. Wobei wir beim nächsten wären. Flavia ist dem Inspektor und der englischen Polizei zwar immer um eine Nasenlänge voraus, aber meist durch Zufall. Sie ist keine Protagonistin, die sich durch enorme Intelligenz auszeichnet und als Überflieger bezeichnet werden könnte. Ihre Inselbegabung in Chemie mal beiseite gelassen, ist sie ein aufmüpfiges, vorlautes Kind, dass ihre gute Erziehung und ihren Namen zu nutzen weiß. Sie ist echt, greifbar und menschlich.

Mord im Gurkenbeet ist ein spannender Detektivroman, der an die klassischen Kriminalromane angelehnt ist und dennoch mit viel Einzigartigkeit und einer Sammlung skurriler Vorfälle aufwartet.



Liebhaber klassischer Detektivstorys aller Altersstufen.


Verlag: penhaligon, 2009

Hardcover

Neuauflage verfügbar vom blanvalet Taschenbuchverlag, 2010.

ISBN: 978-3-4423-7624-7

Preis: 10,99 €

zur Leseprobe

Hörbuch verfügbar, gelesen von Andrea Sawatzki – ebenfalls sehr empfehlenswert

Alan Bradley, 1938 geboren, ist eigentlich Elektrotechniker und war bis zu seinem Rückzug aus dem Berufsleben 1994 Direktor für Fernsehtechnik einer Universität. Der Auftakt zur Flavia de Luce Reihe ist gleichzeitig sein Debütroman und wurde kurz nach Erscheinen sofort umjubelt. Alan Bradley hat sich zusammen mit seiner Frau auf Malta zur Ruhe gesetzt und schreibt weiterhin Geschichten rund um die junge Detektivin.

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