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Melissa Albert – Hazel Wood. Wo alles beginnt.

"Mit neun erkannte ich dann, was tatsächlich hinter meiner heimlichen Überzeugung steckte: ein kindlicher
Wunschtraum. Ich packte ihn ordentlich weg wie all die anderen
Dinge, die ich nicht mehr brauchte – alte Spielsachen, Einschlaf-
rituale, zu klein gewordene Kleider." 

Inhalt

Alice Crewe ist 17 Jahre alt, fühlt sich nirgends zu Hause und ist stolz darauf, dass ihr Herz an niemandem hängt, mal abgesehen von ihrer Mutter Ella. Die bedeutet ihr die Welt.
Seit ihrer frühesten Kindheit sind Alice und Ella ohne wirklich festen Wohnsitz und ziehen von einem Ort zum nächsten. Nie werden sie sesshaft, denn sie werden verfolgt. Vom Unglück. Und immer, wenn es sie einholt, müssen sie weiterziehen. Alice hat sich an dieses Leben gewöhnt und ist erstaunt, als ihre Mutter sich doch niederlassen will. Direkt in New York und auch noch nach dem Tod von Ellas Mutter Althea. Einen Verlust, der Alice, obwohl sie ihre Großmutter nie kennengelernt hat, wohl härter trifft als Ella. Diese wirkt weder betroffen, noch traurig, im Gegenteil – ihr scheint ein Stein vom Herzen zu fallen und erwähnt immer wieder, dass ihre Pechsträhne nun endlich vorbei sein wird.

Alice dagegen traut dem Frieden um sich herum noch nicht. Sie sieht das Unglück immer wieder nahen, doch Ella scheint ihr nicht mehr zu glauben. Außerdem versteht Alice absolut nicht, warum Ella Althea immer noch von ihr fern halten will – sie darf weder das nun verlassene Anwesen ihrer Großmutter sehen noch Altheas einziges Buch lesen. Durfte sie nie. Doch Alices eigentlich schon lange abgelegte Besessenheit regt sich wieder. Sie möchte nun erst Recht alles über das Anwesen „Hazel Wood“, die „Märchen aus dem Hinterland“ und über ihre Großmutter Althea Proserpine erfahren.

Alice gerät in einen Strudel aus Geheimnissen, Verrat und Schweigen… einen Strudel, von dem sie sich besser ferngehalten hätte…


Meinung

„Hazel Wood“ hat mich fasziniert, seit es auf Englisch rauskam und fristete seitdem sein Dasein auf meiner Wunschliste. Nun habe ich es endlich in Deutsch gelesen und ich kann gleich vorab sagen – ich bin verliebt. Hin und weg. Denn hier habe ich ein Buch in der Hand gehalten, das mich in meine Jugend zurückversetzt hat. Ein wunderschönes und seltenes Gefühl. Es hat mich an all die Bücher erinnert, die ich bis spät in die Nacht gelesen habe, egal, ob am nächsten Tag Schule war oder nicht. Ich wusste augenscheinlich schon früher nicht, wie ich meine Prioritäten setzen muss (oder ich wusste es, ich glaube, über diesen Fakt kann man sich durchaus streiten).

Das Cover von „Hazel Wood“ ist der englischen Variante ähnlich, was ich gut finde, denn inzwischen ist das ja eher de Ausnahme. Es hat einen leichten Glitzereffekt, nur am Rande erwähnt. Farblich gehe ich zwar nicht ganz mit dem Designer konform, aber das ist Geschmacksache. Und – auch unter seinem Schutzumschlag ist dieses Buch hübsch.

Melissa Alberts Schreibstil ist für mich sehr angenehm. Die Worte tröpfelten nur so in mein Gehirn und haben sich schnell und gut weggelesen. Auch die Mischung zwischen jugendlich angehauchter Sprache und teilweise sehr poetischer Wortwahl hat mir Freude bereitet. Was mir bei der Autorin besonders gut gefallen hat, ist ihr Hang zum Nichtbeschreiben. Eine wahre Wonne. Weder die Figuren noch die Umgebung wurde bis ins Detail von ihr aufgebaut, nein, sie hat der Vorstellungskraft des Leser eine fast weiße Leinwand gelassen. Beste Voraussetzungen für ein Jugendbuch. Womit wir bei meinem einzigen Kritikpunkt wären. Im Buchhandel und vom Verlag wird dieses Buch in die Ecke Fantasy-Jugendbuch ab 12/14 Jahre eingeordnet (ich nutze hier absichtlich die 12 Jahre mit, denn im Buchhandel ist die Kategorisierung einfach oft so). Mit einem kompetenten Buchhändler in Reichweite – definitiv möglich. Ohne – nein, bitte nicht. Der Klappentext fasst nicht annähernd, was da auf einen zukommt.

Die Figuren sind nicht perfekt und teilweise wirken sie recht unsympathisch. Doch sie wollen auch gar nichts anderes und genau das hat mich berührt.
Alice, die Protagonistin, ist schwierig, wütend, distanziert, aufbrausend und manchmal wirklich anstrengend.
Ella, ihre Mutter, ist undurchsichtig, flatterhaft, fast genauso schwierig wie ihre Tochter und hat sich nur ein bisschen besser unter Kontrolle.
Althea, die Großmutter, wird entweder vergöttert oder verabscheut.
Auch die anderen Charaktere sind allesamt undurchsichtig, sprunghaft und bewegen sich zwischen allen möglichen verfügbaren Schubladen.
Die Figuren überschreiten Grenzen, sie sind oft irgendwo zwischen Wahn- und Irrsinn und tanzen auf der Linie dazwischen. Und sie machen es großartig.

Auf die Geschichte von „Hazel Wood“ muss man sich als Leser komplett einlassen. Dieses Buch ist nichts für nebenbei. Und nichts für schwache Nerven. Was als leicht verwunschenes Märchen anfängt und wie eine Alice im Wunderland Adaption erscheint, entwickelt sich zu etwas Unerwartetem. Gerechnet habe ich zumindest nicht damit. Ich wurde in einen dunklen Sog gezogen, der mich nicht mehr los lassen wollte. Unbedingt wollte ich alles über die Geschichte von Alice und Hazel Wood erfahren. Es wird gruselig, brutal und grausam. Die Darstellung und die Figuren können böse und hinterhältig sein. Wer hier Moral und Wertvorstellungen erwartet, verabschiedet euch davon.

„Hazel Wood“ ist ein grausames Märchen, das einen das Blut in den Adern gefrieren lassen will. Es beschert Gänsehaut, ein mulmiges Gefühl in der Magengegend und macht absolut süchtig.


Fakten

Verlag: Dressler Verlag

Erscheinungsdatum: August 2018

ISBN: 978-3-7915-0085-0

Preis: 19,00 €

Genre: Fantasy, Jugendbuch ab 14 Jahren

Hardcover mit Schutzumschlag, 352 Seiten

zur Leseprobe

Über die Autorin

Geboren in Illinois, zog Melissa Albert für ihre Karriere nach New York. Die junge Frau ist Gründungsmitglied und Chefredakteurin des Barnes & Nobles Teen Blog und schrieb unter anderem auch schon für MTV. „Hazel Wood“ ist ihr Debütroman.


Dieses Buch wurde mir vom Dressler Verlag über das Portal vorablesen.de als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt – vielen Dank hierfür. Meine Rezension wird hiervon nicht beeinflusst.

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