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Joss Stirling – Finding Sky. Die Macht der Seelen

"Mit dem Fingernagel kratzte ich Farbreste von dem alten Spiegel über der Kommode. Das blasse, ernste Mädchen, das mir aus dem Spiegel entgegenblickte, tat dasselbe und starrte mich aus dunkelblauen Augen an. Sie sah in dem schummrigen Licht gespenstisch aus; das blonde Haar fiel ihr in ungebändigten Locken ums ovale Gesicht. Sie wirkte zerbrechlich. Einsam. Eine Gefangene im Raum hinter dem Spiegel; eine Alice, die es niemals wieder in die echte Welt zurückschaffen würde."

Die freischaffenden Künstler Simon und Sally Bright ziehen mit ihrer Tochter Sky von Richmond, England nach Wrickenridge, Colorado, USA. Sie haben den Auftrag bekommen, ein Künstlerhaus zu betreiben und Sky wurde aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen und muss sich nun auf einer typisch amerikanischen Highschool zurecht finden.

Als ob ihr Name allein nicht schon für genug Lacher auf ihre Kosten sorgt, hat Sky auch Probleme mit ihrem Äußeren. Klein, zierlich, niedlich, blonde Locken, blaue Augen – niemand nimmt sie ernst oder traut ihr etwas zu. Ihre schwierige Vergangenheit trägt in hohem Maße zu ihrer Unsicherheit bei. Sky kann sich an die ersten Jahre ihres Lebens nicht erinnern, geschweige denn an ihre Eltern, nur die schwierige Zeit bei ihrer drogensüchtigen Tante ist ihr in Erinnerung. Am lebhaftesten vor sich sieht sie aber den Tag, als sie auf einem einsamen Rastplatz irgendwo in England ausgesetzt wurde. Sie verbrachte Jahre in Heimen, erst Simon und Sally holten sie langsam aber sicher ins Leben zurück. Seitdem versucht sie ihre Erinnerungen komplett zu verdrängen. Ebenso wie diese seltsame Empathiefähigkeit, die sie hat seitdem sie denken kann. Sky versucht ein komplett normales Leben zu haben und nimmt sich vor, dass sich das auch in Wrickenridge nicht ändern wird.

Schnell schließt sie die ersten Freundschaften an der Schule, besonders Tina und Nelson helfen ihr sich zurecht zu finden. Damit Sky sich besser in die Gemeinschaft einfügt, schlägt ihr Tina diverse AGs vor, welche die Schule zu bieten hat. Wie gut, dass es eine für Musik gibt, denn hier liegt Skys Leidenschaft. Sie lernt Yves und Zed Benedict kennen, zwei Brüder wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Die beiden gehören zum Benedict-Clan, einer Großfamilie im Ort, die den Skilift betreibt und diverse sportliche Aktivitäten wie Wildwasser-Rafting anbietet. Die Familie um Oberhaupt Saul Benedict und seine quirlige Frau Karla sorgt nicht zuletzt durch die insgesamt 7 Söhne für Gesprächsstoff. Sie scheinen ein Geheimnis zu hüten. Eines, dem Sky schnell näher kommt, als sie möchte.

Der Grund dafür ist Zed, der jüngste und siebte Sohn. Nach starken Anlaufschwierigkeiten interessiert sich gerade der Bad Boy für Sky. Nur möchte Sky ihn weder näher an sich heran lassen, noch möchte sie seine Geschichten über Savants hören – Menschen, die einen Extra-Gang im Gehirn besitzen und dadurch mit übernatürlichen Fähigkeiten ausgestattet sind. Doch aus irgendeinem Grund lässt Zed sie nicht in Ruhe und Sky kann nicht von ihm lassen…wenn sie nur wüsste, warum.


Finding Sky ist der Auftakt zur Savant-Serie. Die Fantasyelemente sind gut versteckt in den Romanen für junge Erwachsene, die ebenso die Probleme des Erwachsenwerden beleuchten. Aus der Perspektive von Sky erfahren wir viel über ihre Unsicherheiten, über die Probleme, die sie mit ihrer Vergangenheit hat und über die Verwirrung ob der ersten großen Liebe, die sie überraschend und fast schon gegen ihren Willen trifft. Joss Stirling hat einen sehr flüssigen Schreibstil und schafft es den Leser schon nach wenigen Seiten zu fesseln. Man sieht nicht nur Sky ziemlich lebhaft vor sich, auch die Familie Benedict mit all ihren Facetten wächst einem sehr schnell ans Herz. Trotz der Vielzahl der Figuren in dem Buch verliert man nicht den Überblick und sie haben eine Tiefe, die man sonst selten antrifft, besonders bei denen, die eigentlich nur kurze Auftritte haben.

Das gesamte Fantasy-Universum ist gut durchdacht und mal etwas wirklich neues zwischen den ganzen Vampiren, Engeln, Dämonen und Werwölfen. Die Benedict-Brüder tragen aber eine ganze Menge dazu bei, denn sie tragen die Geschichte. Der Fokus liegt auf den drei jüngsten Brüdern, bei Zed ist es verständlich, da dieser ja seinen Auftritt in diesem Band hat. Yves und Xavier lernen wir dann noch in den Folgebänden näher kennen, der Grundstein dafür wurde in diesem Buch gelegt. Alle Bände sind in sich abgeschlossen, bauen aber durchaus aufeinander auf. Mir persönlich haben es von den Brüdern der verschlossene Victor, Spaßvogel Xav und der grummelige Zed besonders angetan, jeder auf seine eigene Weise.

Doch wer hier eine reine Liebesgeschichte erwartet, wird überrascht. Geheimnisse und ein ziemlich großes Abenteuer mit leichten Thriller-Elementen hat Joss Stirling auch noch mit reingepackt.

Besonders schön finde ich persönlich, dass der Titel der deutschen Übersetzung nicht zum Opfer gefallen ist. Die Geschichte von Sky in zwei Worte gepackt, das grenzt schon an Kunst.



Leser von Young-Adult Romanen, besonders im Highschoolbereich. Fans vom Romantasy-Genre.


Informationen zur Taschenbuchausgabe, Hardcover momentan nicht erhältlich.

Verlag: dtv, 2014

ISBN: 978-3-4237-1588-1

Preis: 9,95 €

Zur Leseprobe

Joss Stirling lebt mit ihrer Familie Oxford. Sie studierte Anglistik in Cambridge und ist erfolgreiche Kinder- und Jugendbuchautorin. „Finding Sky“ wurde 2013 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

(dieser Link führt zu YouTube)

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