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George R. R. Martin – Wild Cards. Die Cops von Jokertown.

Herausgeber:
George R.R. Martin, zusammen mit Melinda M. Snodgrass

Geschrieben von:
Paul Cornell, David Anthony Durham, Ty Franck, Stephen Leigh, Victor Milán, John Jos. Miller, Mary Anne Mohanraj, Kevin Andrew Murphy, Cherie Priest, Melinda M. Snodgrass


„Der Mann drehte sich um. Zwar machte ich mich auf einen verstörenden Anblick gefasst, aber nicht genug, denn am Ende wich ich doch einen Schritt zurück. Ich sah mich einem Drachen gegenüber.“


New York, südlich von Manhattan.

Hier liegt ein Ghetto, welches von allen nur Jokertown genannt wird. Denn die Einwohner sind zum Großteil ebendas – Joker. Menschen, die Gene in sich tragen, welche durch einen außerirdischen Virus verändert wurden. Seit 70 Jahren leben sie inzwischen unter den Menschen und harren dem Moment, in dem ihre Karte aufgedeckt wird, die ihre Veränderungen und Fähigkeiten enthüllen wird. Haben sie Glück, dann werden sie ein Ass, mit übermenschlichen Fähigkeiten. Werden sie zu einem Joker, dann können sie Fähigkeiten erlangen, bezahlen aber mit teils sehr drastischen physischen Veränderungen dafür. In den Augen ihrer normalen Mitbürger sind sie oft nichts anderen als Freaks, Mutanten vor denen die Menschheit geschützt werden muss, obwohl sie sich in die Gesellschaft einzugliedern versuchen.
Diese Aufgabe übernehmen die Polizisten des 5. Reviers, das mitten in Jokertown liegt und für Recht und Ordnung sorgt. Oder es zumindest versuchen. Die Polizisten sind eine Mischung aus Menschen und Jokern, was ihnen ihre Arbeit enorm erleichtert.

Als bei einem Brand ein 30 Jahre alter Fall wieder ausgegraben wird, überschlagen sich die Ereignisse im 5. Revier. Die damalige Geschichte beschäftigt einen kurz vor der Pensionierung stehenden Detective. Nebenbei tauchen alte Bekannte aus seinem Leben auf. Doch damit nicht genug, viele neue Fälle kommen auf die Polizisten von Jokertown zu, die zum Glück dafür auch neue Verstärkung bekommen.


Das Cover. 

Ganz ehrlich: hier wurde ich ausnahmsweise mal zum Coveropfer. Ich mag die düstere Farbgebung, das Motiv und das Geheimnisvolle, dass es in sich trägt. Der Schatten des abgebildeten Mannes macht einen mysteriösen Eindruck und die Hörner haben zu einigen Spekulationen meinerseits beigetragen. Außerdem macht die Polizeimarke der Cops von Jokertown auch was her.

Der Stil. 

Durch die vielen Autoren, die sich bei dieser Geschichte zusammengetan haben, ist es schwierig, einen Stil erfassen zu können. Die einzelnen Kapitel sind gleichzeitig einzelne Geschichten, die aus anderen Perspektiven erzählt werden. So kommen immer wieder neue Charaktere hinzu, die dann auch noch weitere Erzählungen liefern können. Der Stil verändert sich dadurch immer beim Wechsel des Blickwinkels und fängt die Persönlichkeit der Figuren so besser ein. Das ist ein Punkt, der mir ziemlich gut gefallen hat, denn es hat mir die einzelnen Charaktere sehr viel näher gebracht.
Gleichzeitig ist es aber für mich auch ein Kritikpunkt, denn durch die verschiedenen Stilrichtungen war die Wahrscheinlichkeit höher, dass es mindestens einen gibt, der mir nicht wirklich zusagt. Das war leider dann auch der Fall, obwohl das gesamte Buch trotz des Zusammenbringen von so vielen Autoren auf einem hohen Niveau bleibt.

Die Charaktere. 

Alle Charaktere hier aufzuführen würde komplett den Rahmen sprengen, daher möchte ich euch nur den Hauptcharakter vorstellen.

Leonard Storgman
Genannt Ramshead, Detective, kurz vor der Pensionierung. Vor 20 Jahren wurde seine Wild Card aufgedeckt und hat ihn zum Joker werden lassen. Er trägt Hörner auf dem Kopf und hat einige weitere, eher unbedeutende körperliche Veränderungen durchgemacht.
Leo ist sich bewusst, dass er mit seiner Karte noch verdammtes Glück hatte, denn er sieht täglich, was die Mutation aus seinen Mitmenschen machen kann.
Seiner Pensionierung sieht er gar nicht erfreut entgegen, eher das Gegenteil ist der Fall. Er hat Angst, dass er dann gar keine Aufgabe mehr hat, denn nach dem Tod seiner Frau und dem Wegzug seiner Tochter, ist seine Arbeit sein Lebensinhalt. Da kommt ihm der 30 Jahre alte Fall gerade Recht, denn vielleicht kann er hier noch was wirklich Großes bewirken und unter Umständen einen Fehler von damals wieder gut machen.

Die anderen Charaktere bestechen durch ihre Vielfältigkeit und die Tiefe, die ihren Persönlichkeiten gegeben wurde. Einen Großteil der Figuren stellen die Kollegen von Leo dar, doch der Leser macht auf den knapp 700 Seiten noch Bekanntschaft mit Familienangehörigen der Cops, zwielichtigen Kriminellen und Existenzen, denen die Wild Card kein leichtes Leben verschafft und die immer zur falschen Zeit am falschen Ort sind.
Um die Abwechslung noch zu erhöhen, bewegt sich das Spektrum der Figuren, die ihre Geschichten erzählen, nicht nur zwischen Menschen und Jokern. Es sind Männer und Frauen verschiedenster Altersklassen, Ethnie und Glaubensrichtung.

Das Setting.

New York, Ghetto. Polizeirevier. Ich glaube, mehr muss ich nicht sagen. An sich spielt das Setting keine so große Rolle, ich denke, dass Jokertown in jeder größeren Stadt liegen könnte, obwohl eine Metropole wohl von Vorteil wäre. Die Örtlichkeiten treten aufgrund der Geschichte und der Vielzahl an Charakteren recht schnell in den Hintergrund und die meiste Zeit wird eh nur von Jokertown gesprochen.
Die einzelnen Schauplätze wiederum wurden je nach Perspektive mehr oder weniger gut ausgearbeitet. Es gab einige, bei denen ich mich fühlte, als wäre ich wirklich dort und die Bilder ohne Weiteres in meinem Kopf entstanden sind. Andererseits gab es auch welche, bei denen alles irgendwie farblos blieb.

Die Geschichte.

Am Anfang des Buches erfährt Ramshead, kurz vor seiner Pensionierung, dass durch einen Brand ein 30 Jahre alter Fall wieder aufgetaucht ist, von dem man eigentlich dachte, dass er damals gelöst wurde. Doch irgendetwas erscheint im Faul daran und er versucht, die inzwischen kalten Spuren wieder aufzunehmen. Seine Suche ist der rote Faden, der sich durch die gesamten Kurzgeschichten zieht.

Der eigentliche Hauptplot verbleibt bei Ramshead, alle anderen Geschichten bauen ein Gerüst drum herum. Die eigentliche Handlung gewinnt immer mehr an Form, je mehr die Charaktere verraten. Die Tätigkeit der Cops, der Fall von damals, diverse andere Ermittlungen und Einzelschicksale erhalten so eine Dichte, die man selten antrifft, denn es werden so viele Seiten beleuchtet, wie irgend möglich.

Im Laufe der Handlung werden viele gesellschaftlich relevante Themen angesprochen: von Rassismus über Mobbing bis hin zur Diskriminierung von Minderheiten ist alles dabei. Doch damit nicht genug, auch Korruption und der Zusammenhang zur Staatsgewalt wird erwähnt. Gerade in der heutigen Zeit sind diese Aspekte aktueller den je und haben an Brisanz gewonnen.
Mich hat besonders die Behandlung der Einzelschicksale der Joker fasziniert. Ihr Umgang mit der plötzlichen Veränderung, die sie durchmachen mussten, die Reaktion ihrer Umgebung darauf und ihr Leben als genetisch veränderter Mensch hat mich gefesselt und teilweise zu Tränen gerührt.

Trotz aller positiven Aspekte, habe ich einige Kritikpunkte an „Wild Cards“, die sich am besten mit zwei Worten zusammenfassen lassen: zu viel.
Dieses Buch wimmelt nur so von allem – Themen, Charaktere, Schicksale, Dramen und Tragödien, wo man nur hinschaut. Im ersten Drittel des Buches hat es sich für mich so angefühlt, als würden hindert Leute in meinem Kopf versuchen zu Wort zu kommen. Auch die Ansammlung der physischen Veränderungen, die die Joker durchmachen können, wurde für mich immer abstruser und manchmal fragte ich mich, ob das ein oder andere wirklich unbedingt sein musste. Daher hat es sich für mich sehr gezogen und ich bin nicht reingekommen. Da mir aber die Idee hinter dieser Verbindung von Kurzgeschichten so gefallen hat, habe ich es nicht zur Seite gelegt, worüber ich im Nachhinein recht glücklich bin.

Das Fazit.

Gesellschaftlich relevante Themen verpackt in einen skurrilen, abwechslungsreichen und spannenden Fantasy-Krimi-Mix, der es manchmal etwas übertrieb und zu gut meinte. Dennoch eine klare Empfehlung für Liebhaber klassischer Fantasy, die auch gern mal etwas abgedreht sein darf.


Verlag: Penhaligon

Erscheinungsdatum: 24.09.2018

ISBN: 978-3-7645-3214-7

Preis: 15,00 €

Klappenbroschur, 672 Seiten

weitere Formate: eBook

Genre: Fantasy, Krimi

George Raymond Richard Martin, 1948 in New Jersey geboren, ist den meisten bekannt durch sein Fantasy-Epos „Game of Thrones“. Er lebt mit seiner Frau in New Mexico und wurde mit diversen namhaften Preis ausgezeichnet, unter anderem dem World Fantasy Award und dem Deutschen Phantastik Preis. Sein neuestes Werk „Feuer und Blut“, ein Teil der Vorgeschichte zu Game of Thrones, erschien am 20. November 2019.


Dieses Buch wurde mir vom Penhaligon Verlag über das Bloggerportal der Verlagsgruppe Random House als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt – vielen Dank hierfür. Meine Rezension wird hiervon nicht beeinflusst.

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