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Ava Reed – Die Stille meiner Worte

„Aus meinen Gedanken wurden Worte, die nun verbrennen und wieder zu Gedanken werden. Aber jetzt habe ich das Gefühl, sie gesagt zu haben. Still und doch so laut."

Hannah und Izzy. Zwei Teile eines Ganzen, unzertrennlich, zwei Körper eine Seele. Zwillingsschwestern. Doch es zerbrach in dieser einen Nacht. Nun ist Hannah allein, einsam und gefangen in sich selbst. Sie hat nicht nur Izzy verloren, ihre Worte und sie selbst sind auch verschwunden. Zumindest für die Welt um sie herum. In ihr ist es so laut. Sie schreit und schreit. Niemand hört sie. Ihre Trauer hat ihr ein Gefängnis gebaut, sie ist eingeschlossen in sich selbst. Keiner erreicht sie, auch ihre Eltern nicht. Nur Izzys Kater Mo, genau wie Hannah nicht unverletzt aus dieser Nacht heraus gekommen, ist immer bei ihr. Ihn erträgt sie. Der Glückskater, dem im entscheidenden Moment das Glück ausging. Sein Schnurren und seine Nähe machen die Leere, die Izzy hinterlassen hat, nicht erträglich, aber manchmal weniger schlimm. Er begleitet sie auch bei ihrem nächtlichen Ritual. Hannah schreibt Izzy Briefe, sie ist die einzige mit der sie überhaupt kommuniziert. Um die Briefe zu ihrer Schwester zu schicken, verbrennt sie sie.

Hannahs Eltern haben ihr altes Heim hinter sich gelassen, die Familie braucht einen Neuanfang. Doch so einfach ist es nicht. Nach einer unüberlegten Äußerung ihres Vaters, zieht Hannah eine drastische Veränderung durch, die sie niemandem erklären kann, weil ihr immer noch die Worte fehlen. Da sie nicht sprechen kann, kann sie sich dann auch nicht wirklich wehren, als ihre Eltern sie vor vollendete Tatsachen stellen. Sie wird nach den Sommerferien nicht mehr in eine Schule vor Ort gehen – sie schicken sie nach Sankt Anna. Ein Internat für Kinder und Jugendlich mit Problemen. Hannah fühlt sich noch einsamer als zuvor. Bevor der Unterricht in Sankt Anna beginnt, wird als Kennenlernmaßnahme die Fahrt zu einem Sommercamp organisiert.

Hannah hat keine Wahl, sie muss in dieses Camp, egal wie wenig sie es will. Doch wie soll sie die Zeit ohne Mo überstehen? Ihr Seelentröster, das Einzige, was ihr noch Halt gibt und den es nicht stört, dass sie keine Worte mehr hat? Wie soll sie mit den neuen Menschen um sich herum umgehen? Und wer ist eigentlich dieser Levi, mit der seltsamen Cap, den Tattoos und der Gitarre, der im Camp immer dort zu sein scheint wo sie ist und den es nicht zu stören scheint, dass sie ihm nie antwortet? Kann sie am „Ort für zerbrochene Dinge“ vielleicht wieder ein kleines Stückchen zusammen geklebt werden?


Ich habe dieses Buch abends in die Hand genommen und nicht mehr los gelassen. Als ich ein paar Stunden später die letzte Seite umblätterte, war mir bewusst, dass ich diese Geschichte lange nicht los lassen können werde. Worte dafür zu finden, fällt mir nicht so leicht wie sonst. Es ist einfacher über Romane zu schreiben, die einen nicht so sehr berühren, aber irgendwie habe ich in letzter Zeit ein Händchen für eben solche Bücher.

Aufmerksam geworden bin ich durch das Cover und den Titel. Die Farben, das zurückhaltende und aussagekräftige Motiv welches Hannah und Mo zeigt, die Schriftart – mein Gefühl sagte mir, dass ich dieses Buch unbedingt lesen muss, schon lange bevor es erschien. Ein Glück, dass meine innere Stimme inzwischen gut genug geschult ist.

Hannah ist eine wunderbare Protagonistin. Sie ist so präsent ohne den Leser zu erdrücken, ihre Gefühle stehen im Vordergrund. Man wird nicht geschont, die Worte lassen einen die Emotionen nachvollziehen – manchmal fühlt man sich als würde man selbst in diesen Strudel hinein gerissen.

Doch wirklich besonders wurde die Geschichte erst durch Levi und seine Perspektive. Die Gefühle und Eindrücke eines Außenstehenden, jemanden, der Hannah erst nach dem Verlust ihrer Schwester und ohne ihre Stimme kennen lernt.

Auch die Nebenfiguren sind allesamt einnehmend und mit ihrer eigenen Geschichte ausgestattet. Sie verblassen nicht neben Hannah und auch nicht neben Levi. Zugegebenermaßen verblassen aber alle leicht neben Mo. In den Kater habe ich mich komplett verliebt, er hat mir sehr geholfen die Bilder in meinem Kopf farbig zu halten.

Ava Reed hat einen Roman geschaffen, der vom Weg zu sich selbst zurück erzählt. Dem steinigen Weg durch die Trauer, durch die Wut, die Einsamkeit und all die anderen Gefühle, die diese seltsame Leere vollkommen unerwartet überschwemmen können und sie beinahe unerträglich machen. Mit dem Verlust eines geliebten Menschen klar zu kommen, ist wohl eines der schwierigsten Sachen, die das Leben für uns bereit hält. Alles, was wir mit diesem Menschen verbinden, beeinflusst die Trauer, die Emotionen, die uns danach überfluten. All dies versteht Ava Reed einfühlsam rüberzubringen ohne in Phrasen oder Plattitüden abzurutschen.



Jugendliche und Erwachsene, die auf der Suche nach einem einfühlsamen Roman über die Trauer sind. Menschen, die einen packenden Roman lesen wollen, der ans Herz geht.


Verlag: ueberreuter, 2018

ISBN: 978-3-7641-7079-0

Preis: 16,95 €

Hardcover

Ava Reed ist neben ihrem Autorendasein selbst Bloggerin. Und wie sollte es anders sein schreibt sie auf ihrem Blog auch über Bücher oder dreht Videos dazu. Neben ihrer Arbeit in einem Verlag versteht sich. Sie lebt in Frankfurt am Main und hat ein Lehramtsstudium absolviert.

 

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