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Maja Köllinger – Madness. Das Land der tickenden Herzen.

Ich sollte nicht hier sein. 

Ich hätte dem Kaninchen nicht folgen dürfen...

‚Zeit, zu verschwinden‘, flüsterte ich mir selbst warnend zu und wollte mich gerade wieder aufrichten, als die ausgetrocknete Erde unter mir ins Rutschen kam. Meine Hände fanden keinen Halt mehr, sodass mein Rücken über den Rand des Erdlochs schürfte und meine Beine hilflos in der Luft strampelten, als ich rückwärts in die Schwärze stürzte."

Alice ist 18 Jahre alt, wohnt in London bei ihrem Vater, liebt ihre Freundinnen Katy und Lucy und ist stolz darauf ein Punk zu sein. Mit dem Aussehen einer Porzellanpuppe und dem Herz eines Rebellen passt keine Szene besser zu ihr. Sie versucht, die Gefühle in ihr irgendwie nach außen zu tragen, denn zu Hause ist es nicht so einfach. Alice liebt ihren Vater und dieser liebt sie, aber er hat Probleme dies zu zeigen, denn sein kleines Mädchen sieht immer mehr wie ihre Mutter aus. Die Frau, die kurz nach Alices Geburt einfach so spurlos verschwunden ist und die er immer noch vermisst.

Eines Abends geht Alice mit ihren Freundinnen aus und möchte einfach nur tanzen. Doch schnell bekommt sie in dem Club Beklemmungen und findet sich auf den dunklen Straßen Londons wieder. Dort sieht sie zu ihrem Erstaunen ein weißes Kaninchen. Was hat das denn mitten in der Metropole verloren? Und es scheint, als hätte dieses Kaninchen etwas verloren – eine Taschenuhr. Alice handelt instinktiv und rennt dem Kaninchen hinterher. Bald findet sie sich in Abney Park wieder, am Rand eines Erdloches, durch welches das weiße plüschige Hoppelvieh entschwunden ist. Alice ist sich bewusst, dass es ziemlich dumm ist, sich so weit in das Loch zu lehnen, aber dieses Kaninchen fasziniert sie irgendwie. Es sah so seltsam aus, als wäre es teilweise aus Metall gewesen…und sie hat es sprechen gehört. In Gedanken versunken, verliert Alice den Halt und stürzt durch das Kaninchenloch…

Als sie die Augen aufschlägt, befindet sie sich an einem seltsamen Ort. Der Himmel ist rot, ein metallischer Geruch liegt in der Luft und sie ist hundertprozentig nicht mehr in London. Alice möchte unbedingt wieder nach Hause…bald darauf trifft sie jemanden, der ihr verspricht, sie dort auch wieder hinzubringen. Eine seltsame Katze, die aus Karbon und Aufziehmechanismen zu bestehen scheint und deren blaue Augen sie so wissend anstarren. Eine Katze, die mitten in der Luft schwebt und auch einfach mal so ins Nichts verschwindet und die manchmal nicht mehr als ihr rasiermesserscharfes Lächeln von sich sehen lässt. Grinser, so nennt sich das verwirrende und gar nicht so samtige Pfötchen, führt sie zu einem jungen Mann. Elric. Dieser findet sich auf einer Lichtung, die komplett von einem zum Tee gedeckten Tisch eingenommen wird. Doch nicht nur das ist seltsam an ihm. Elric ist schön, keine Frage, aber komplett emotionslos und kalt. Als würde er überhaupt nichts fühlen. Doch Grinser verlangt von Alice, dass sie Elric vertrauen muss, um nach Hause zu kommen. So machen sich die drei auf den Weg durchs Wunderland…auf eine Reise ins Unbekannte, auf der die Wege nicht immer dorthin führen, wo man gern hin möchte…


Mit Alice und dem Wunderland verbindet mich eine große Liebe. Wunderlandgeschichten machen mich grundsätzlich glücklich und ich liebe es, einer Alice durch den Weg durch ein Kaninchenloch in ein wie auch immer geartetes Wunderland zu folgen.

Beim Cover kann ich mal wieder nur ins Schwärmen geraten, der Drachenmondverlag hat einfach ein Händchen für Schmuckstücke. Die Farbwahl und Motive haben mich auf den ersten Blick an Steampunk denken lassen. Nach dem Lesen kann ich auch beruhigt sagen, dass die Abbildung wirklich gut zum Inhalt passt, ein weiterer Pluspunkt, den ich bei Büchern aus diesem Verlag anmerken muss. Oft hat man keine Ahnung, warum das Cover so ist, wie es ist – hier passt es einfach.
Der Titel verrät relativ viel über die Geschichte. Die Verrücktheit und auch die Eigenheit dieses speziellen Wunderlandes wurden hier eingefangen.
Außerdem muss ich hier wirklich mal ein Wort zum Innenleben des Buches verlieren. Jede Seite ist mit Schnörkeln verziert und am Anfang jedes Kapitels finden sich wunderschöne Illustrationen. So macht das Lesen gleich noch viel mehr Spaß.

Alice ist ein wirklich nettes Mädchen. Ihre Handlungen konnte ich zwar hier und da nicht so ganz nachvollziehen, sie versucht zwar rebellisch zu sein, ist aber dabei erschreckend naiv. Doch genau das fand ich kurioserweise sehr anziehend an ihr. Sie passt so gut als Alice – dieses leicht kindlich naive, dieses wirklich noch betont teenagerhafte an ihr –  es passt einfach zu ihrer Geschichte.
Elric ist eine sehr einnehmende Figur. Ich muss zugeben, dass ich gern auch mal ein Kapitel aus seiner Sicht gelesen hätte, denn seine Gedankengänge stelle ich mir wirklich spannend vor. Sein ganzes Wesen ist ein einziger Zwiespalt und ich finde, dass er das Wunderland wirklich gut verkörpert.
Doch wir begegnen ja auch noch einem anderen guten Bekannten – der Grinsekatze. Diese Version hat es mir besonders angetan. Grinser war zwar neu erfunden, aber so sehr Grinsekatze, dass es einfach nur Spaß gemacht hat.
Die Nebenfiguren bleiben in dieser Geschichte wirklich stark im Hintergrund. Sie werden nur hervorgezogen, wenn man sie wirklich braucht. Am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig, am Ende fand ich es gut so.

Die Beschreibung des Steampunk-Wunderlandes ist Maja Köllinger wirklich gut gelungen, mein Kopfkino war sehr malerisch und hat mir angenehme Lesestunden beschert.

Die Geschichte um Alices Reise durch das Wunderland war spannend und nahm auch die ein oder andere unerwartete Wendung. Auch welche, die mir wirklich Tränen in die Augen trieben und bei denen ich nicht wusste, warum die Autorin mir grad so auf dem Herzen herum trampelt. Ich hätte mir noch ein paar Seiten mehr gewünscht, das Ende war für mich zu schnell vorbei und warf doch einige Fragen auf, die unbeantwortet bleiben.

Doch die Stunden, die ich mit Alice, Elric und Grinser verbracht habe, waren wirklich schön. Vielleicht trifft man die drei ja auch mal wieder.



Romantasy-Fans, Wunderlandbegeisterte, Steampunk-Liebhaber und Freunde von Neuinterpretationen alter Geschichten.


Verlag: Drachenmond, 2017

ISBN: 978-3-95991-115-3

Preis: 14,90 €

Softcover

zur Leseprobe

Maja Köllinger, Jahrgang 1997, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen aus der Realität in die magische Welt der Bücher zu entführen. Die Studentin lebt so ihre Liebe zum geschriebenen Wort aus.

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