Bücher,  Bücher

Walter Moers – Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr

Mit Illustrationen von Lydia Rode.

Siebenter Roman in der Zamonien-Reihe. In sich abgeschlossen, Vorkenntnisse aus den anderen Büchern nicht unbedingt notwendig.


"'Meine Gedanken sind meine Freunde', dachte die Prinzessin. 'Deswegen bin ich niemals allein.'
Und wer konnte das schon von sich behaupten?"

Prinzessin Dylia Insomnia ist anders. Anders als ihre Familie. Anders als die Angestellten des Königshofes oder Bewohner des Reiches. Wahrscheinlich gab es in ganz Zamonien niemanden wie sie.

Denn die Prinzessin leidet unter einer seltenen Krankheit. So selten, dass es nicht mal einen Namen dafür gibt. Die Symptome sind so mannigfaltig wie die Persönlichkeit der Prinzessin. Ein besonders herausragendes ist die Schlaflosigkeit, die Insomnie, die Dylia ihren Namenszusatz eingebracht hat.

Dylia hat sich im Gegensatz zu ihrer Familie langsam mit ihrem Schicksal abgefunden und frönt ihren seltsamen Angewohnheiten. Sie nutzt die schlaflosen Zeiten zum Lernen und ist besonders in den Sprachen bewandert. Aber auch Erfindungen sind ihre Sache. Dennoch weiß sie, dass sie über die wenigsten Sachen mit jemandem reden darf. Denn dann würden nicht nur die Hofschranzen, Narren und guten Ärzte sich um sie kümmern, nein, dann würde man die gefürchteten Kopfdoktoren rufen. Niemand hat einfach so Verständnis für seltsame Erfindungen, Sichtungen von Zwergen, die nur im Zwielicht erscheinen und erst recht nicht für eine grüne Spinne, die in ihrem Gehirn haust und als Archivarin fungiert. Und das sind nicht mal die seltsamsten Dinge, die Dylia sich ersinnt, um ihr Leben lebenswert zu gestalten.

Doch eines Nachts, Dylia ist zu diesem Zeitpunkt achtzehn Nächte in Folge schlaflos, erscheint ihr ein seltsames Wesen. Ein hässlicher Gnom, mit wunderschön schillernder Haut. Er stellt sich als Havarius Opal vor. Von Beruf Nachtmahr. Dylia sei auserwählt. Von ihm. Schließlich sei es eine Ehre, dass ein Nachtmahr jemanden in den Wahnsinn treiben will.

Die Prinzessin ist erschüttert. Und neugierig. Denn der Nachtmahr macht ihr zusätzlich noch ein Angebot. Eine Reise nach Amygdala, die Heimat aller Ängste und Alpträume, das dunkle Herz der Nacht. Dylia bleibt keine andere Wahl als sich auf dieses Abenteuer einzulassen. Vielleicht findet sie eine Möglichkeit ihren Verstand zu retten…und damit auch ihr Leben.


Walter Moers ist einer der Helden meiner Jugendzeit. Über Jahre hinweg haben mich die Geschichten rund um die Bewohner Zamoniens begleitet und jedesmal konnte ich in eine phantastische Welt eintauchen, die einen alles um einen herum vergessen ließ, was nicht allein dem sprachgewaltigen Schreibstil des Autors zuzuschreiben ist.

Genau diese Erwartungen setzte ich an „Prinzessin Insomnia“. Um mich nicht zu spoilern, war die einzige Information, die ich mir erlaubte der Klappentext. Mehr nicht. Im Nachhinein denke ich mir, dass ich mich doch hätte besser informieren sollen. Eine ungewöhnliche Aussage von mir, wenn man sich meine anderen Rezensionen ansieht. Doch hier hat es nichts mit der Geschichte an sich zu tun, sondern mit dem Hintergrund dieser. Walter Moers schrieb „Prinzessin Insomnia“ aufgrund einer ungewöhnlichen Inspiration. Die Illustratorin des Buches, Lydia Rode, ist selbst ein großer Zamonien-Fan, denn die Romane haben ihr durch viele schwierige Zeiten ihrer Krankheit geholfen. Dies schrieb sie auch an Walter Moers, der sich daraufhin mit ihr in Verbindung setzte. Aus der Korrespondenz der beiden wuchs diese Geschichte. Lydia Rode leidet an der seltenen Krankheit CFS – das chronische Erschöpfungssyndrom. Weitgehend unerforscht und bisher ursachenlos, wird diese Krankheit selten erkannt oder ernst genommen, obwohl es einen hohen Anteil Betroffener gibt, die mit der Zeit bettlägerig und pflegebedürftig werden. Da ich selbst an einer unsichtbaren, chronischen Krankheit leide, hat mich diese Geschichte mehr berührt, als ich erwartet habe.

„Prinzessin Insomnia“ hat mich auf eine Reise mitgenommen, die mich nicht nur in die Untiefen von Dylias Verstand führte, sondern auch in die meines eigenen und mich auf Konfrontationskurs mit dem Umgang mit meiner eigenen und den Krankheiten anderer schickte. Dieses Buch hat mich emotional sehr mitgenommen. Moers abstrahiert die Krankheit in phantastische Einzelteile, spielt mit Worten, bricht Bekanntes auseinander um es in einem schillernden, auf den ersten Blick unergründbaren Mosaik wieder zusammen zu setzen.

Dylia ist wohl eine der seltsamsten Protagonistinnen, von denen ich je gelesen habe. Ich habe immer noch keine Ahnung, ob ich sie sympathisch finde oder nicht. Wieviel ihrer Persönlichkeit gespielt war, welcher Anteil real und was ihres Verhaltens durch die Krankheit, die Isolation und besonders die Schlaflosigkeit hervorgerufen wurde – oder ob das alles vielleicht gar keine Rolle spielt. Zu Dylia konnte ich bis zum Schluß keine wirkliche Verbindung aufbauen, obwohl wir die gesamte Reise aus ihrer Perspektive erleben.

Dann ist da Havarius Opal. Der Nachtmahr. Ich muss gestehen, dass ich mich leicht in ihn verliebt habe. Diese Arroganz, die Undurchsichtigkeit, die Gefühllosigkeit und Unberechenbarkeit. Und nicht zuletzt, die ihm eigene Grummeligkeit. Ein menschenverachtender Grantel, wie er im Buche steht. Doch ihm wohnt eine Anziehungskraft inne, der ich mich nicht entziehen konnte und die zum Schluß immer stärker wurde. Mit jeder Überraschung, die der Nachtmahr in der Geschichte lieferte.

Die Reise ist abenteuerlich und sehr typisch für Walter Moers. Immer wieder hatte ich das Gefühl an die Grenzen meiner Vorstellungskraft zu stoßen, doch immer wieder wurde ich eines besseren belehrt und mein Kopfkino ließ mich niemals im Stich.
Hervorzuheben sind auch die wunderschönen, aber dennoch manchmal verstörenden Illustrationen der Berlinerin Lydia Rode. Es tat diesem Buch meiner Meinung nach gut, dass es das erste ist, welches Moers nicht selbst bebilderte.

Es ist nicht der beste Zamonien-Roman den es gibt. Aber es ist der beste und ungewöhnlichste Roman über eine unsichtbare Krankheit, den ich bisher gelesen habe. Und eine Liebeserklärung an die Phantastik, an die Träume, an die Sprache und die Worte.
Es ist eine Geschichte, auf die man sich komplett einlassen muss, an die man als Leser die Führung abgibt. Eine Geschichte, die einen entweder fasziniert oder verstört. Eine Geschichte, die einen in ihren Bann zieht oder die man ablehnt.


Liebhaber phantastischer Romane, die die eigenen Grenzen gern austesten. Fans von Walter Moers, die bereit dazu sind, sich auf etwas Neues einzulassen, das dennoch so typisch ist. Freunde von Märchen, die gern bis ins das tiefste Dunkle der menschlichen Träume reichen dürfen.


Verlag: Albrecht Knaus Verlag

Erscheinungsdatum: 28.08.2017

ISBN: 978-3-8135-0785-0

Preis: 24,99 €

Hardcover mit Schutzumschlag, 338 Seiten

Walter Moers, wahrscheinlich geboren 1957 in Mönchengladbach, hat sich über Jahre hinweg in die Herzen seiner Leser geschrieben – durch eine Reihe phantastischer Romane, die weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt sind. Doch ob seine biographischen Angaben überhaupt der Wahrheit entsprechen, weiß keiner. Eines ist jedoch gewiss. Wir verdanken ihm Käpt’n Blaubär. Und die Zamonien-Romane.


Information zum chronischen Erschöpfungssyndrom findet ihr unter: www.mecfs.de

Dieses Buch wurde mir vom Knaus Verlag über das bloggerportal der Verlagsgruppe Random House als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt – vielen Dank hierfür. Meine Rezension wird hiervon nicht beeinflusst.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.